Unter mir bereitete sich, einem unendlichen Zauberteppich gleich, die Ebene von Messara (...). Von dieser erhabenen Höhe sieht sie aus wie der Garten Eden. An diesen Toren des Paradieses machten die Nachkommen von Zeus auf ihrem Weg zur Ewigkeit halt, um einen letzten Blick auf die Erde zu werfen, und sie sahen mit Augen der Unschuldigen, daß die Erde wirklich das ist, was sie immer geträumt hatten: eine Stätte der Schönheit und der Freude und des Friedens.
(Henry Miller, Der Koloß von Maroussi, 1965)

Das Beste ist das Wasser...
(Pindar, Olympische Ode)

One paradise understood helps us understand all other paradises better.
(Eudora Welty)

Wie funktioniert das Paradies? Wie fließen im Paradies Wasser und Öl zusammen? Kann das Paradies erhalten, aufbewahrt, vielleicht sogar transportiert werden?

Artist: Paula Hildebrandt Location: Kreta, Griechenland Medium: Film Text: Moritz Frischkorn
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Excerpt from ‘Logistics of Paradise’, 2020, (c) Paula Hildebrandt

Kali Limenes

Ein kleiner, idyllischer Ort an der Südküste Kretas. 34º55'51" Nord und 24º48'03" Ost, sagt Google Maps. Siebzehn Häuser, und eine von Palmwedeln überdachte Bar direkt am Strand. Das Wasser glitzert in der Sonne. Es ist tiefblau und friedlich. Die Bucht ist gut geschützt vor Wind und Wetter, die Kiesel und der Sand kitzeln unter den Füssen. Kali Limenes bedeutet wörtlich ‘Gute Häfen’. An diesem paradiesischen Ort hat, der Überlieferung zufolge, Paulus auf seinem Weg nach Rom Zuflucht gefunden, als sein Schiff in schweren Sturm geriet.

Satellitenbild von Kali Limenes von Google Maps
Der Strand von Kali Limenes, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Tanker in der Bucht von Kali Limenes, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Einzig eine große Infrastruktur-Anlage stört das Auge: Mitten in der Bucht, auf der kleinen Insel Mikronisi, thront eine Schiffstankstelle. In mehreren Silos wird hier Schweröl gelagert, mit dem Containerschiffe, Frachter und andere Boote betankt werden. Die Tankstelle wird von der Firma SEKA geführt. Das Wappen der Firma, dessen doppelte Flügel an Pegasus erinnern, ist auch am kleinen Seemanns-Club angeschlagen. Davor sitzen Arbeiter in der Sonne und rauchen.

Die Filmerin und Autorin Paula Hildebrandt und ich haben insgesamt mehrere Tage in Kali Limenes verbracht, um den Ort besser zu verstehen. Unser Bestreben, als Künstlerinnen die Schiffstankstelle besuchen zu dürfen, wird aber auch nach mehrmaligen Anfragen von der SEKA abgelehnt. Paula versucht daraufhin schwimmend die Insel zu erreichen, ohne sie aber zu betreten. Später nehmen uns lokale Fischer gegen eine kleine Gebühr auf eine Fahrt rund um die Schiffstankstelle mit. Einer der Fischer, Minos, der nach dem mythischen ersten König Kretas benannt ist, erzählt uns während der Fahrt von Sicherheitsübungen der SEKA, bei denen eine Ölkatastrophe simuliert wurde. Ich frage Minos, ob er schon einmal auf der Insel gewesen ist. Er verneint. Und auch wir haben die Tankstellen-Insel nicht betreten können.

Nur unweit von Kali Limenes liegen internationale Gewässer. Schiffe passieren diesen südlichsten Punkt Kretas auf ihrem Weg Richtung Suez-Kanal, Zypern, Beirut, Athen oder Gibraltar. Da es billiger ist, den Suez-Kanal mit wenig Tiefgang zu durchqueren, füllen manche von ihnen hier ihre Treibstoffreserven auf. Sie ankern dafür weiter draußen und werden von den kleineren Tankschiffen beladen, die wie faule Fische in der Bucht herumliegen.

Schiffe tanken auf dem Weg zum oder vom Suez Kanal in Kali Limenes

Neben neuem Treibstoff können Schiffe in Kali Limenes auch frisches Wasser ordern, das Schiff säubern oder den Müll entsorgen lassen, und Crew-Mitglieder an- oder abmelden, die nicht aus dem Schengen-Raum kommen. Wer möchte, kann sich von der SEKA eine Auswahl kretischer Produkte aufs Schiff liefern lassen, darunter Honig, Olivenöl, Orangen, Tomaten, Gurken und frisches kretisches Meersalz. Es ist dann, als würde ein Teil des Paradieses verladen.

Man fragt sich, ob dabei beispielsweise auch die großen Öltanks von Frachtern ausgespült werden, so dass kleine Ölpartikel ins Meerwasser geraten. Wie und auf welche Art und Weise Öl und Wasser zueinander im Verhältnis stehen, das ist die zugrunde liegende Frage dieser Recherche nach der Logistik des Paradieses.

Paula und ich brauchen uns die Zutaten des Paradieses nicht in unsere Unterkunft oder ins Auto liefern lassen. Wir gehen einfach Mittagessen, ins Neo Panorama, auf der Suche nach einem neuen Über- oder Einblick.

Neo Panorama

Am der rechten Seite der Bucht führen ein paar Treppenstufen den Hügel hinauf. In der Taverne Neo Panorama sitzen ausschließlich Arbeiter der SEKA und essen gegrillten Fisch. Außer den bärtigen Männern, die mit ihren Walkie-Talkies Anweisungen geben, oder mit einem kleinen Schnellboot zur Tanker-Insel übersetzen, scheint das ganze Dorf wie ausgestorben. Wir sind die einzigen Tourist*innen hier, und mich beschleicht der Eindruck, dass die Verlassenheit des Ortes kein Zufall ist.

Nach dem Essen versuchen wir Alexandra, die Kellnerin der Taverne, über die Schiffstankstelle und das leicht heruntergekommene Hotel auf der anderen Seite der Bucht auszufragen. Es scheint unbewohnt zu sein, trotzdem pflegt die Hausmeister-Familie rund um das Jahr den Rasen und den Swimmingpool. Dort würden einmal im Jahr eine rauschende Sommerparty gefeiert, mit arabischen Prinzessinen, die im Hubschrauber über das Meer geflogen kämen, berichtet Alexandra. Über die Tankstelle kann sie nicht viel sagen, außer dass sie von Haien bewacht würde, die vermeintlich rund um die Insel schwämmen.

Blick auf die Gartenstühle der Hausmeister-Familie

Vgl. Track Nr. 10 der Paradise Playlist, Daft Punk – Loose Youself to Dance

Einst hatte der geniale Erfinder Daedalus, der Erbauer des kretischen Labyrinths, gemeinsam mit seinem Sohn Ikarus versucht, die Insel fliegend zu verlassen. Als Ikarus der Sonne zu nahe kam, schmolz das Wachs, mit dem seine künstlichen Flügel befestigt waren, und stürzte, genau dort wo heute die Insel Ikaria liegt, ins Wasser und starb. Daedalus floh vor Minos, dem wütenden Herrscher Kretas nach Sizilien, wo er später von diesem gefunden wurde. Der wütende Streit zwischen dem Herrscher und seinem besten Technologen, der diesen aus Selbstschutz ermordet (oder ermorden lässt), stellt das Ende des Mythos von König Minos dar.

Paula und ich spielen Tennis auf dem verfallenen Tennisplatz des Hotels der Familie Vardinogiannis, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Ob man Haie dressieren kann, ganz wie Wachhunde? Kommen die Gäste aus Saudi-Arabien, oder doch aus dem Libanon, wie einst die phönizische Prinzessin namens Europa? Und verkleiden die Jungs sich dann als Stiere? Das Hotel, genau wie die Schiffstankstelle, gehört jedenfalls der reichen kretischen Familie Vardinogiannis.

Auf dem verfallenen Tennisplatz des Hotels der Vardinogiannis spielen Paula und ich Tennis und mixen uns Drinks. Gerüchten zufolge soll zu dem Hotelkomplex früher auch ein (Mini-)Golfplatz gehört haben. Dazu später mehr.

Die Familie Vardinogiannis

Die Vardinogiannis stammen aus dem kleinen Dorf Episkopi im Nord-Osten Kretas. Die Familie ist zunächst nicht reich, aber pflegt gute Beziehungen zur kretischen Politik und Armee. Nikos Vardinogiannis, der ältere Bruder des heutigen Firmenpatriarchs Vardis, erkennt die strategische Bedeutung der paradiesischen Bucht von Kali Limenes und kauft dort 1961 einen Teil des Strands. Zunächst ankern dort einzelne Frachter, um größere Schiffe zu betanken, vor allem die Mittelmeerflotte der US-Armee. Bald kauft Nikos zu einem Freundschaftspreis vom griechischen Staat auch die Insel Mikronisi. Als es 1965 zu einem Tankerunglück an der Küste kommt, bei dem größere Mengen Rohöl austreten, wird dort die heutige Schiffstankstelle gebaut.

Nachdem wir von unserer ersten Reise nach Kreta zurückkehren, spreche ich – vermittelt über eine Freundin – mit dem griechischen Aktivisten Ilias Marmaras, der selbst aus einer reichen Reeder-Familie stammt. Auf die Familie Vardinogiannis angesprochen, verweist er mich auf die eine Webseite von Anarchist*innen aus Athen und Heraklion. Aus ihren, mit Hilfe von Google Translator übersetzen Texten sind die hier aufgeführten Informationen entnommen.

Der Firmenpatriarch Vardis Vardinogiannis

Mit der Akquise der Insel und des Küstenabschnitts haben die Vardinogiannis eine Goldgrube aufgetan. Um ungestört wirtschaften zu können, versuchen sie, die lokale Bevölkerung zu vertreiben. Doch nur wenig später wird auf die Unrechtmäßigkeit des Kaufs hingewiesen: Der Landstrich, den Nikos Vardinogiannis ursprünglich zu einem Spottpreis von lokalen Schäfern erstanden hatte, gehört eigentlich dem Kloster Ogiditria, das oberhalb von Kali Limenes in den Asterousia-Bergen liegt. Daraufhin kommt es zu einem Diebstahl: Unbekannte entwenden nicht etwa die berühmte Ikone Zoodochos Pigi, sondern das Grundbuch des Klosters, das seither ver­schollen ist.

Zoodochos Pigi, auf Deutsch: die lebensspendende Quelle, ist eine bestimmte Form der Mariendarstellung in der byzantinischen Ikonographie. Maria, die ihren Sohn Jesus im Arm hält, wird in einem Taufbecken dargestellt. Aus dem Becken läuft das Wasser, wie bei einer Brunnenschale, in zwei (manchmal auch vier) Flüssen in ein darunter liegendes, größeres Becken. Die Ikonographie geht zurück auf ein kleines Marienheiligtum nahe Istanbul. Dort steht heute die Kirche der Muttergottes von der lebensspendenen Quelle. 450 nach Christus soll an diesem Ort der spätere byzantinische Kaiser Leo I. einen Blinden getroffen haben, der ihn, nachdem er vom Weg abgekommen war, um Wasser bat. Erst nachdem ihm eine unsichtbare Stimme auf eine versteckte Quelle hinweist, kann Leo Marcellus dem Bettler helfen. Nachdem der Blinde getrunken und Leo ihm die Augen gewaschen hat, erhält er durch ein Wunder seine Sehkraft zurück. Zum Dank errichtet der spätere Kaiser über der Quelle eine Kirche.

Darstellung der Ikone, erstanden in Ogiditria
Ortes des Mordes am Bürgermeister von Pigaidakia, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Shell-Tankstelle bei Pitsidia, betrieben von Coral Energy, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Immer wieder kommt es in den Folgejahren zu Streitereien mit der lokalen Bevölkerung, die ihre verlassenen Häuser in Kali Limenes wieder aufbauen wollen. Als sich der kommunistische Bürgermeister des Nachbardorfs Pigaidakia im Frühjahr 1986 entscheidet, zum Patriarchen nach Istanbul zu reisen, um dort eine Kopie des alten Grundbuches einzusehen, wird er am 28. April 1986 auf der Straße zwischen Pigaidakia und Pómbia erschossen. Die Täter werden nie gefasst.

Von Kali Limenes bauen die Vardinogiannis währenddessen ungestört ihr Firmenimperi­um aus. Im Herbst 1966 brechen sie das Erdöl-Embargo gegen Süd-Rhodesien, im Jahr 1971 kaufen sie dem konkurrierenden Oligarchen Aristoteles Onassis die Öl-Raffinerie in Ko­rinth ab. Zugleich investieren sie in Bohrvorhaben im nord-afrikanischen und arabischen Raum. Heute gehören der Familie unter anderem einem Fußballclub und mehrere Fernseh­sender, insgesamt ist sie an fast 100 Firmen beteiligt.

Obwohl die Kennedys und Clintons zu ihren Freunden zählen, Anwesen in London und Athen in ihrem Besitz sind, und sie im Winter in St. Moritz Ski fahren gehen, kommen die Vardinogiannis jeden Sommer nach Kali Limenes, um hier zu entspannen. Können sie nicht genug bekommen von den Wellen des libyschen Mee­res, von den kretischen Oliven und dem Honig? Oder sind sie nur an diesem abgeschiede­nen Ort unsichtbar, versteckt vor Neidern, den Kräften des Marktes, und den Fäden der Moiren? Hier können sie nackt baden und sich in eine Zeit vor ihrem eigenen Sündenfall zurück imaginieren.

Video unserer Autofahrt zum Strand von Kommos

Was willst Du eigentlich über diese Oligarchen herausfinden?, fragt mich Paula. Was fasziniert Dich an ihnen, welche Männerfantasien triggert das bei Dir? Es stimmt, ich bin geblendet von der Vorstellung von Reichtum. Mich fasziniert, dass diese Männer mit ihrem Geld und ihren Verbindungen das Geschick der Insel im Verborgenen mitbestimmen. Außerdem tanken nicht nur Schiffe, sondern auch wir selbst, bei den Vardinogiannis. Vermittelt über ihre Tochtergesellschaft Coral Energy betreibt die Familie alle Shell-Tankstellen in Griechenland, und damit auch auf der Insel Kreta. Wer die paradiesische Bucht von Kali Limenes besuchen möchte, der muss womöglich, ohne es zu wissen, bei ihnen einkaufen. Paula und ich tanken erst auf dem Rückweg. Dann baden wir am Strand von Kommos.

Für unsere Recherche auf Kreta haben Paula und ich eine Playlist angefertigt, die das Paradiesgefühl beschwören soll. Sie besteht aus insgesamt 17 Tracks. Wie sich herausstellt, sind unsere Lieblingslieder für Autofahrten zum Strand die Tracks Nr. 6, Gilda – No Me Arrepiento De Este Amor und Nr. 11, Luis Fonsi ft. Daddy Yankee – Despacito.

Kommos

Im Gegensatz zur unbekannten Bucht von Kali Limenes, ist der wunderschöne, langgezogene Strand von Kommos weltberühmt. Er schließt an die fruchtbare Messara-Ebene an, die im Osten durch die asterousischen Berge und im Norden durch das mächtige Psiloritis-Massiv, den mythischen Berg Ida, begrenzt wird. Der Strand ist im Sommer fest in der Hand von deutschen Individual-Tourist*innen. Schon seit den 70er-Jahren reisen deutsche Urlauber*innen in die Gegend rund um Pitsidia, wo auch Paula und ich wohnen. Sie lassen sich am Strand von Kuchen-Uwe mit Kaffee und Süßem versorgen. Der deutsche Aussteiger bewirtet seine Gäste von seinem Basislager aus, einem alten Tamarindenbaum, der Schatten spendet und als Infrastruktur dient. Berühmt ist auch das Dorf Matala, wo in den 60er-Jahren junge amerikanische Wehrdienstverweigerer als Hippies in neolithische Höhlen einzogen, statt in den Vietnamkrieg zu ziehen, und unter anderem von Joni Mitchell und Cat Stevens besucht wurden.

Paula Hildebrandt reist schon sein mehr als 30 Jahren jedes Jahr nach Pitsidia. Sie kennt die Gegend im Süden Kretas deshalb sehr gut. Das Dossier ‘The Logistics of Paradise’ basiert deshalb zu großen Teilen auf ihren Vorrecherchen.

Vgl. Track Nr. 12 der Paradise Playlist, Joni Mitchell – Carey

Der Strand von Kommos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Tamarinde als Schatten-Infrastruktur, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

In Timbaki, am westlichen Ende der Bucht, sollte lange die neue chinesische Seidenstraße anlanden. Bevor die Chinesen Teile vom Hafen in Piräus kauften, gab es Pläne, den alten Militär-Flughafen zu einem großen Containerterminal umzubauen. Diese Pläne liegen einstweilen auf Eis. Neuerdings vermutet man in den Gewässern südlich von Kreta große und lukrative Ölfelder. 2018 hat ein Konsortium aus ExxonMobil, Total und der griechischen Firma Hellenic Petroleum die Erlaubnis bekommen, dort nach Öl zu bohren. Dabei kommt es zu politischen Konflikten zwischen dem griechischen und türkischen Staat.

Interessanterweise gibt es einige deutschsprachigen Seiten, die gegen das griechisch-chinesische Bauprojekt mobil machen. Während die große Besorgnis um das eigene Urlaubs-Paradies deutlich aus diesen Webseiten spricht, wird immer wieder der Schutz der am Strand von Kommos beheimateten Wasser-Schildkröten als Hauptargument gegen den Bau eines Containerterminals genutzt.

Ein Film über Aktivist*innen, die dafür kämpfen, Tiefseebohrungen nach Öl im gesamten Mittelmeerraum zu verbieten, heißt interessanterweise auch 'Oil and Water (Don't Mix)'. Wir verfolgen die These, dass beide Materialien für das Paradies ausschlaggebend sind, aber ihre Vermischung immer ein Problem darstellt.

Wer von einem Felsen über den Strand und die Ebene blickt, sieht nicht sofort, dass sie von Geschichte durchtränkt sind. Aber schon seit Tausenden von Jahren wird von hier aus Handel und Seefahrt betrieben. Die Menschen in der Messara-Ebene waren immer schon Meister darin, ihr Paradies mit Hilfe von weit verzweigten Handelswegen zu sichern und zu versorgen. Wer darüber etwas wissen will, bohrt nicht nach Öl, sondern gräbt in der Tiefe der Zeit.

Ausgrabungen

Am Strand von Kommos liegt eine bedeutende minoische Ausgrabungsstätte, die von den Kanadiern Joseph und Maria Shaw zu Tage getragen und dokumentiert wurde. Der alte minoische Hafen von Kommos, den schon Sir Arthur Evans hier vermutet hatte, versorgte vor mehr als 3000 Jahren die Paläste von Phaistos und Hagia Triada. Berühmt geworden sind die Ausgrabungen von Kommos u.a. wegen der Schiffschuppen, in denen die Holzboote der Minoer in den Wintermonaten vor Witterung und dem Salzwasser geschützt wurden.

Maria Shaw bei einer Ausgrabung am Strand von Kommos

Joseph Shaw, den Paula und ich auch kontaktieren, antwortet sehr freundlich auf unsere Emails, und verweist auf die Homepage seiner Universität in Toronto, wo viele Materialien zu den Ausgrabungen in Kommos digitalisiert werden. Vor allem sucht Shaw nach Sponsoren, die mit ihm gemeinsam die Ausgrabungsstätte in Kommos zu einem Museum ausbauen wollen.

Ausgrabungsstätte bei Kalimari an der Südküste Kretas, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Schiffschuppen der Ausgrabungen in Kommos,  Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Aus dieser Zeit stammt auch der Gründungsmythos der Europa: Zeus verwandelt sich an einem Strand im Libanon in einen Stier, um die phönizische Prinzessin desselben Namens, Tochter des König Agenor zu entführen (unweit der Stadt Tyros). Er schwimmt mit ihr nach Matala, verwandelt sich dort in einen Adler, und zeugt mit ihr auf dem Berg Ida drei Kinder: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon – die späteren Herrscher über die Insel.

Man kann diesen Mythos als Ausdruck einer fantasierten ökonomischen Vormacht der Minoer über das Mittelmeer lesen. Als erste europäische Hochkultur kontrollierten sie zwischen 2500 und 1500 vor Christus den Handel, vornehmlich in der Ägäis. Neben Zypern, waren auch die levantischen Häfen Byblos und Tyros Anlaufpunkte für minoischen Schiffe. Dort wurden Töpferwaren, Tücher, Hölzer und Metalle gehandelt. Auch Olivenöl (aber noch nicht Rohöl) war bereits vor 3000 Jahren ein wichtiges Handelsgut. Dass der griechische Ur-Vater Zeus die levantinische Prinzessin Europa entführt, spricht für die bereits ausgeprägte Arroganz und Brutalität dieser frühen Europäer. Zur damaligen Zeit jedenfalls waren die Minoer, was den Seehandel betrifft, levantischen und ägyptischen Städten und Palästen eher unterlegen.

Die Herrschaft der Minoer über ihre eigene Insel wird immer wieder als eine besonders friedliche Zeit beschrieben. Motive wie Krieg oder Soldatentum sind auf den Darstellungen der Minoer nicht zu finden, stattdessen werden Akrobaten oder Blumen dargestellt. Man erzählt sich, dass von den Minoern keine befestigten Anlagen erhalten sind, weil sie solche einfach nicht brauchten. Forscher*innen erscheint die minoische Hochkultur damit als ein verlorenes Paradies – ein Paradies, das auf lokaler ökonomischer Vormachtstellung und Beherrschung der Meere fußte.

Im Palast von Phaistos, wo auch der berühmte Diskos von Phaistos ausgegraben wurde, sind große Amphoren zu sehen, die vermutlich zur Aufbewahrung von Wein und Ölivenöl genutzt wurden. Die Paläste der Minoer glichen Labyrinthen. Neben den Adelsgemächern gab es unzählige Vorratskammern und Magazine, eine ganze Infrastruktur für den Fernhandel. Eine der wichtigsten Ressourcen für das minoische Paradies war schon damals Trinkwasser. Bereits zur Zeit der Minoer führten deshalb Aquädukte von den wasserreichen Hochebenen rund um die Stadt Zaros in Richtung Messara. Und noch heute trinken die Individual-Tourist*innen am Strand von Kommos Zaros-Wasser aus Plastikflaschen.

Vor viertausend Jahren mögen noch andere Regeln für das Paradies gegolten haben. Sie wurden, so spekuliert man, auf einer kleinen runden Tonscheibe dargestellt, dem sogenannten Diskos von Phaistos. Forscher*innen gehen davon aus, dass auf dem Diskos, der bis heute nicht entziffert wurde, die Regeln des Zusammenlebens der minoischen Hochkultur verzeichnet sind. Bei unserer ersten Reise nach Kreta treffen wir den Diskos-Experten Gareth Owens. Im 'echten Leben' ist der Linguist Erasmus-Beauftragter der technischen Universität in Heraklion, zugleich forscht er seit mehr als 10 Jahren hobbymäßig zum Diskos von Phaistos. Gemeinsam mit seinem Kollegen John Coleman, einem Phonetik-Professor in Oxford, behauptet Owens, die Schriftzeichen auf der Tonscheibe zumindest phonetisch erfassen und teilweise auch übersetzen zu können. Der Diskos stelle eine lange Ode an die weibliche Göttin Aphaia dar, die weibliche Fruchtbarkeit und Natalität verkörpere. Diese Mutter Gottes, der Astarte gleich, wurde auch in Ägypten, Mesopotamien und von der phönizischen Prinzessin Europa verehrt. Ist hier eine der männlichen Dominanz-Fantasien vorgelagerte weibliche Kraft besungen? Owens selbst weist uns vor allem auf eine von ihm initiierte Gesangsfassung des Diskos hin, für die er eine befreundete junge Sängerin gewinnen konnte. Und er glaubt, die gesungene Ode, deren Text auf dem Diskos verzeichnet sei, ähnele dem Patti Smith-Lied 'Because the Night'. Ich schlage vor, beide Lieder gleichzeitig zu hören. Es stellt sich dann ein interessanter Zeitstrudel ein.

Die Künstler Olaf Nicolai und Jan Wenzel deuten das Labyrinth in ihrem gleichnamigen Buch als eine frühe, schockhafte Erfahrung von Urbanität. Sie schreiben: „Für die Griechen stellten die kretischen Städte vor 2.000 Jahren eine grundlegende neue räumliche Erfahrung dar. Den Schrecken, den sie dabei empfanden, transformierten sie in ein ästhetisches Spiel. In ein Spiel um Zentralität und Peripherie, Orientierung und Desorientierung; in ein Spiel, in dem jene weit zurückreichende Erfahrung des Vordringens und Verirrens bis in unsere Gegenwart transportiert wurde, dabei unablässig neue Erfahrungen und Vorstellungen an sich bindend.“ Die Tatsache, dass die großen Paläste Kretas, die vermeintlichen Vorlagen des Labyrinth-Mythos, zugleich Versorgungsinfrastrukturen waren, heben sie dabei nicht hervor. Heute scheint es, als ob vor allem die gigantische Ausdehnung von Wertschöpftungsketten und Warenbewegungen, die unablässige Choreographie der Dinge, ein desorientierendes, flüssiges Labyrinth herstellen. Es sind diese Handelsbeziehunge, die jede urbane oder hoch entwickelte Kultur überhaupt erst möglich machen. Als Konsument*innen wie als Tourist*innen haben wir uns, ohne eigenes Bewusstsein, immer schon ins Labyrinth der Logistik begeben.

Ausgrabungen in Phaistos mit Blick über die Messara-Ebene

Zaros

In der kleinen Stadt Zaros am Fuß des Berg Ida liegt heute die größte Mineralwasser-Fabrik Kretas. Das Wasser ist nach der Stadt selbst benannt, tatsächlich gehört die Firma zu einem großen Teil noch heute der Gemeinde selbst. Wasser aus Zaros ist über die Insel hinaus bekannt, und wird als Delikatesse gehandelt.

Videoaufnahmen aus dem Inneren der Mineralwasser-Fabrik in Zaros
Die Mineralwasserfabrik in Zaros von außen, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Die Mineralwasserfabrik in Zaros von innen, Die Mineralwasserfabrik in Zaros von innen, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Als einziges zertifiziertes Mineralwasser der Insel muss die Qualität des Wassers in regelmäßigen Abständen getestet werden. Es werden mikro-bakterielle oder virale Verschmutzungen ausgeschlossen, zusätzlich muss das Wasser von drei eigens dafür ausgebildeten Mitarbeiter*innen mehrmals im Jahr auf seinen gleichbleibenden Geschmack überprüft werden. Immerhin wird hier dasselbe Wasser verpackt, dass schon das minoische Paradies versorgte.

Der Marketing-Manager der Zaros-Werke, Nikos Spentzouris erzählt uns bei einer Führung durch die Fabrik von diesen Wasser-Verkostungen, die er selbst leitet und durchführt. Neben einem Einblick in die industrielle Produktion von Mineralwasser – das Hinzufügen von Kohlensäure mit Hilfe eines sogenannten Säure-Vorhangs und die technische Abfüllung in Flaschen – können Paula und ich bei dieser Recherche außerdem unsere eigenen Trinkwasser-Vorräte kostenlos auffüllen. Wir präferieren das sprudelnde Wasser, dass in Zaros in eleganten, kleinen blauen Plastikflaschen abgefüllt wird.

Auf der Insel Kreta ist Wasser schon lange eine umkämpfte Ressource. Viele der alten Brunnen an der kretischen Südküste sind vertrocknet. Der Wasser-Kreislauf der Natur wird durch Übernutzung unterbrochen: Während früher das Regenwasser vom zentralen Gebirgsmassiv aufgefangen wurde, sich unterirdisch seinen Weg bahnte, dabei Höhlen formte und Mineralien auswusch, um dann an verschiedenen Stellen aus dem Boden zu sprudeln, sind heute die Hähne und Becken leer. Auch die Pestizide der intensiven Agrarwirtschaft in der Messara-Ebene und alte, verrostete Wasser-Leitungen tragen dazu bei, dass das Grundwasser vielerorts nicht mehr genießbar ist. Der zentrale Grund für die fortschreitende Wasserknappheit auf Kreta ist aber der große Wasserverbrauch des Tourismus, vor allem von touristischer Infrastruktur.

Das Tal der Philosophen

Im Tal von Hersonissos, an der Nordküste Kretas, liegen zwei Paradies-Orte, die von hohem Wasserverbrauch gekennzeichnet sind: der einzige 18-Loch-Golfplatz und der größte Wasserpark der Insel. Diese beiden artifiziellen Gärten betrachten sich gegenseitig mit Vorsicht und einigen Vorurteilen:

Nikolaos Sotiropoulos ist der General Manager des Crete Golf Club. Er war früher selbst Profi-Golfer und erzählt ausführlich von den Vorzügen des Luxus-Sports. Man sei in der Natur, spiele vornehmlich gegen sich selbst, und nicht gegen andere, und so würden Konzentration, Fokus und eine raffinierte Form der Selbsterfahrung kultiviert. Der perfekte Schwung, den man jahrelang üben müsse, sei dabei fast eine mythische Angelegenheit: Keinesfalls ginge es darum den Ball zu treffen, so Sotiropoulos. Dieser läge einfach an der richtigen Stelle des Schwungs quasi im Weg, und flöge dadurch weit und schnörkellos. Der Crete Golf Club, versichert er, sei was seine Wasserversorgung angehe, autark. Wasser würde in einem großen Teich gesammelt, dort mit Hilfe eines großen Springbrunnens frisch gehalten, und mit einem komplizierten Pumpensystem über den gesamten Platz verteilt. Hohe Umweltkosten fielen vor allem durch das Betreiben der Pumpen an

Nikolaos Sotiropolous treffen wir zwei Mal auf einen Kaffee in seinem Golfclub. Der elegant gekleidete Mann erzählt uns dabei bei unserem ersten Gespräch von seinem Interesse an Philosophie. Unter anderem weist er uns auf die etymologischen Wurzeln des Wortes Logistik hin. Im Alt-Griechischen bezeichne das Wort logistike die praktische Rechenkunst.

Paula und ich auf der Driving Range des 'Crete Golf Club', Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Xenophon Ritsopoulos, der Chief Executive Officer des acqua plus Waterpark auf der anderen Seite des Tals, schwärmt von der befreienden Energie der Rutschen. Wer sich in den Wasserpark begebe, der sei bereit, seine Sorgen hinter sich zu lassen. Ausgelassenheit, so versichert er, bedürfe einer angemessenen Voreinstellung, die seine Kund*innen allesamt mitbrächten. Hier stünde nicht ein verfeinertes Selbstverhältnis im Vordergrund, sondern handfeste bio-chemische Prozesse, nämlich Schwindel und Beschleunigung. Das Wasser für den Park würde aus eigenen Bohrungen gewonnen, sagt Ritsopolous. Unter dem Park läge außerdem eine gigantische Kläranlage, in der das Wasser gereinigt würde. Zumindest ein Teil könne dann in die Wasseranlagen zurückgeführt, oder eben für die Bewässerung der ausufernden Blumenrabatte und Sträucher genutzt werden. Wasser ginge vor allem durch Verdunstung verloren, sagt Ritsopoulos.

Neben seiner Tätigkeit als Manager des Wasserparks betreibt Xenophon Ritsopoulos außerdem ein Start-Up mit dem Namen WePlayHappy, das Spielzeug für den therapeutischen Gebrauch herstellt. Er scheint ein Experte für das Paradies zu sein. Als wir ihm bei unserem ersten Besuch nämlich erzählen, wir würden die Logistik des Paradies erforschen, fragt er uns ziemlich direkt: „Ihr denkt, Ihr könnt das Paradies in Bilder oder Worten einfangen? Nein, das Paradies müsst ihr erleben!“

Im 'Acqua Plus Wasserpark' bei Hersonissos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Im 'Acqua Plus Wasserpark' bei Hersonissos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Zwei Formen der Gestaltung von Natur und Ressourcen zum Zweck der Freude und Selbst-Erfahrung stehen sich hier gegenüber. Während Nikos eher als Stoiker gelten kann, sollte Xenophon ohne weiteres den Epikureern zugeordnet werden. Ihre jeweiligen Gärten der Lust könnten unterschiedlicher nicht sein: Obwohl beide Orte komplexe, künstliche Landschaften mit hohen Wasserverbrauch sind, zeigen sich ihre ungleichen Philosophien schon im Design. In einem Falle geht es um Mäßigung, Eleganz und visuelle Ausgeglichenheit, im anderen Fall um Ausgelassenheit, rohe Freude und bunte Farben. Es scheint so, als könnten wir selbst wählen, welches Paradies besser zu uns passt.

Vgl. auch Track Nr. 12 der Paradise Playlist, Tori Amos – Smells Like Teen Spirit

Das Paradies als Garten

Immer wieder haben sich Menschen das Paradies als Garten vorgestellt, so auch den 'Garten Eden' aus der Bibel. Tatsächlich geht der Begriff auf eine Reihe von historischen Gartenanlagen zurück, den sogenannten pairidaeza. Ihr persischer Name setzt sich aus den Wörtern pari (um) und daeza (Wand) zusammen und beschreibt Gärten, die von Mauern umgeben waren, und so die Blumen und Schattenplätze in ihrem Inneren schützten. Oft wurden diese Gärten künstlich bewässert. So wird bereits für die Gärten des Altpersischen Reiches (um 500 vor Christus) von Aquädukten berichtet. Gerade die künstliche Handhabung des Wassers mag den Griechen Xenophon, der diese Gärten zum ersten Mal beschrieben hat, beeindruckt haben.

Die Mauer des Gartens bedeutet dabei zugleich Schutz und Ausschluss. Nicht jeder wird hinein gelassen, oder man muss – wie im Fall des Golfclubs und des Wasserparks – Eintritt bezahlen. Die Etymologie des Wortes deutet zugleich auf die artifiziellen Aspekte des Paradies hin: Es ist eine designte Landschaft mit Wasser-Infrastruktur, die Sorglosigkeit also eine produzierte Kulturerfahrung. Eine heutige, touristische Formulierung dieses Zustands von Ausgelassenheit lautet dann vielleicht: Du bist im Paradies, solange der Tank deines Mietwagens gefüllt ist, deine Vorräte an Trinkwasser nicht zur Neige gehen und jemand anderes dein Bett macht. Die eigene Sorglosigkeit steht dabei immer im Verhältnis zu einer gesicherten Versorgungssituation, und allzuoft ist sie abhängig von der Sorge-Tätigkeit anderer. Die Frage bleibt: Wer zahlt den Preis des Paradieses? Und: Wie kann man es erhalten?

Essences and Perfumes

Was aber, wenn das Paradies kein realer oder fantastischer Ort ist, sondern vielmehr ein flüchtiger Zustand, wie Paula sagt, dessen Bestandteile nicht endgültig definiert werden können? Jedenfalls gehört das Glitzern des Meeres genauso dazu wie der Duft der kretischen Hügel. Ein Ort, an dem solche Düfte eingesammelt und haltbar gemacht werden, sind die Kräuter-Destillen.

Der Kühlschrank als Schrein, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Die Destille Kurtes wird von Nikos Doulgerakis betrieben und liegt, wie das edle Wasser auch, in Zaros. Hier werden aus wilden Kräutern, von Salbei bis Eukalyptus, Duftöle hergestellt. Zur Herstellung von Duftölen und Parfums gibt es dabei zwei Wege: Wasser-basierte und Öl-basierte Verfahren der Gewinnung von Essenzen. In Zaros werden grosse Mengen Kräuter in einer Destille mit Wasserdampf ausgekocht. Der Dampf wird aufgefangen und kondensiert, sodass die flüssige Duftessenz (in Form von Öl) vom kondensierten Wasser getrennt werden kann. In Kurtes kann man außerdem selbstgemachtes Olivenöl und getrocknete Kräuter kaufen.

Vieles, was Paula und ich über die Beziehungen und Verstrickungen auf der Insel Kreta herausgefunden haben, beruht auf den Geschichten und Erzählungen der Menschen, die wir getroffen haben. Das Netz ihrer Erzählungen ist verwoben mit den Gerüchten und Fabulationen der Insel selbst – dem berühmten kretischen kutsobolio. Nikos Doulgerakis, der Besitzer der Destille in Zaros, zum Beispiel erzählt uns von falschen Kräutern, die aus Nordafrika nach Kreta verschifft und dann als echte kretische Kräuter verkauft würden. Er erzählt von seiner Zeit in der Armee, und dass sein Business mit Olivenöl, Essenzen und Kräutern schwieriger wäre als jeder militärische Kampf, weil jetzt der Feind im Rücken säße. Am Damm in Faneromeni, der die Wasserversorgung der Messara-Ebene sicher stellt, treffen wir den deutschen Strömungsingenieur Walter Hochstein, der hier die Bauarbeiten mit beaufsichtigt hat. Er zeigt uns das kleine Leck im Damm, wo Wasser ausläuft und damit kostenlos die Olivenhaine der Bauern im Tal bewässert. Auf die Vardinogiannis-Familie wurde wir von Yannis Giannoutsos hingewiesen, der als Mr. Botano in Kouses einen weit bekannten Kräuterladen betreibt. Weitere noch nicht namentlich genannte Informant*innen sind Dr. Alexandra Rassidakis, Elena Vasnaki, und Paulas Wirt*innen Nikos und Maria Kougioumitzakis.

Um selbst einen Teil des Paradieses mitzunehmen, zeigt mir Paula die Salinen am Strand von Kommos. Es sind kleine Gumpen, in denen das Wasser, wenn das Meer sich zurückzieht, von der Sonne erhitzt wird und verdunstet. Wenn man hineinsteigt, dann kann man das Meersalz einfach mit einem Löffel abschaben und in eine Plastiktüte füllen.

Paula in den Salinen, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Container (und Gurken)

Jedes Paradies braucht seine Behälter, die Amphoren, Körbe und Glasröhrchen, in denen das Öl, die Düfte und das Salz der Erde gesammelt werden können. Heute kommen die Güter, die das Urlaubs-Paradies an der Südküste Kretas versorgen, in großen Schiffscontainern über die neu gebaute Autobahn vom Hafen in Heraklion. Auf der Gegenfahrbahn passieren Tomaten und Gurken, die in der Messara-Ebene unter Zuhilfenahme von heftigen Pestiziden für den europäischen Markt angebaut werden. Und Trinkwasser kauft man im Lidl-Supermarkt.

Auslage kretischer Produkte auf dem Flughafen von Heraklion, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Lidl-Supermarkt bei Pitsidia, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Vielleicht, könnte man spekulieren, werden die Containerschiffe, die diese Güter von und nach Kreta verladen, in Kali Limenes betankt. Und auch die Tanker, die den Diesel transportieren, den wir in unseren Auto-Tank füllen, müssen wiederum selbst irgendwo tanken. Damit die Versorgung von immer mehr Tourist*innen sicher gestellt wird, geht nach und nach die Sorglosigkeit verloren. Wie exklusiv muss das Paradies bleiben?

Sinnbild einer problematischen Logik von fortlaufender Vergrößerung und Skalierbarkeit sind vielleicht die leerstehenden Gewächshäuser an der gesamten Südküste Kretas, auch unweit von Kali Limenes. Hier wurden vor ein paar Jahren noch Gurken für den europäischen Binnenmarkt angebaut. Der Landstrich selbst wird deshalb auch einfach als Gurkenküste bezeichnet. Heute sorgt sich niemand mehr um die Pflanzen. Vielleicht ist der Anbau nicht mehr rentabel und das Kapital weitergezogen.

Aufgegebenes Gewächshaus bei Kali Limenes, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Die Gurken aber wuchern einfach weiter, ohne dass jemand sie ernten würde. Toten Schlangen gleich liegen sie am Boden des grandiosen, aufgeheizten Gewächshauses wie in einer Wartehalle, und kündigen das weit entfernte Ende des Kapitalismus an. Sie feiern hier, ganz unbesehen, ein in die Zukunft gerichtetes Trauerritual.

Klageweiber

In ganz Griechenland, aber auch in Kreta, wurden früher Klageweiber als professionelle Trauer-Begleitung für Beerdigungen angestellt. Die Profession dieser Frauen, die für ein Form der weiblichen Wut und Kraft jenseits von männlichen Verteilungskämpfen steht, ist heute fast ausgestorben. Der strukturell patriarchalen Macht der Logistik steht hier eine andere, unsichtbare Kraft gegenüber: die der Beschwörung von Geistern und Toten, aber auch der Verwünschung von Lebenden.

Vgl. auch Track Nr. 17 der Paradise Playlist, Nina Simone – Stars

Paula bereitet den kretischen Trauerbrei 'Koliva' zu, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula vor der Kirche in Pitsidia, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

Im Englischen wird Klageweib mit moirologist übersetzt. Der Begriff leitet sich aus den Griechischen Wörtern moira (Schicksal) und logos (Wort) ab. Die Moirologinnen sind diejenigen, die das Schicksal zur Sprache bringen, indem sie die Toten betrauern. Die Moiren sind dabei in der griechischen Mythologie, den römischen Parzen gleich, eine Gruppe von Schicksalgöttinen, die gemeinsam am Tuch des Schicksals weben. Auch die Götter, selbst der hohe Zeus, können das von den Moiren gewebte Schicksal nicht abändern. Sie sind an den von ihnen verfertigten Lauf der Dinge gebunden.

In einem Laden in Pitsidia, nahe Kommos und Kali Limenes, sind auf einem Foto, das versteckt neben einem der Kühlschränke hängt, die Moiren abgebildet. Sie halten ihre Spindeln wie Waffen, aber lächeln friedlich. Der ganze Ausverkauf des Wassers und des Öls, die Swimmingpools, Golfplätze und Luxushotels sind ihnen zuwider. Sie weben ein Netz, das vor der Ausbeutung von Land und Menschen liegt. Die Moiren, abgebildet auf dem Foto, sind zugleich die Ur-Großeltern des Ladenhüters.

Übergabe eines Photos der Moiren als Geschenk an die Besitzer des Ladens in Pitsidia

Niemand weiß, wie das Paradies funktioniert. Aber die Frauen auf dem Bild im Laden von Nikos in Pitsidia, sie erinnern uns daran, dass selbst die effizienteste Logistik das Paradies nicht wird erhalten können. Nur, wenn wir zurückkehren, zu einer Art und Weise des Wirtschaftens, die nicht auf Vergrößerung und Mobilität ausgerichtet wäre, können wir den Faden wieder aufgreifen. Manchmal gelingt das.

Olivenöl und Bio-Diesel

Das Anarchist*innen-Kollektiv BeCollective stellt Olivenöl her. Es ist Teil der Integral Cooperative von Heraklion, die eine eigene lokale Währung zum Austausch von Waren und Dienstleistungen aufgebaut haben. Ihre Währung heißt Kouki, nach der Saubohne, die früher auf Kreta als Wert-Äquivalent genutzt wurde. Sie soll als Tauschmittel funktionieren, so dass die beteiligten Kollektive und Einzelpersonen über direkten Tausch ihre Grundversorgung sicher stellen können. Dieses kretische Öl – im Gegensatz zum Schweröl der Vardinogiannis – wird nicht Teil einer globalen (Luxus)-Ökonomie. Es ist, zumindest in Hamburg, nur bei einem genossenschaftlichen Kollektivbetrieb zu kaufen, der solidarischen Handel betreibt.

Vor dem 'Hohlios' Laden der 'Integral Cooperative', Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Auf dem Markt in Mires, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt

In Heraklion erzählt uns der Aktivist Michalis von der Möglichkeit, aus recycltem Brat- und Frittieröl Bio-Diesel herzustellen. Der Kooperative geht es darum, das industrielle Verfahren in kleinem Maßstab selber zu nutzen, um den eigenen Bedarf an Treibstoff zu decken. Die Maschine ist bereits gekauft, es fehlt nur noch Methanol, das in Griechenland nicht frei verkäuflich ist. Dann könnte das alte Öl zu neuem Diesel gemacht werden, und wiederum die Maschinen antreiben, mit denen die Oliven geerntet würden. Es wäre eine Art Modulare Raffinerie.

Ich stelle mir vor, wie dann eines Tages die Schiffstankstelle in Kali Limenes dazu genutzt würde, Bio-Diesel zu vertreiben. Das Hotel wäre dann nicht mehr eine exklusive Sommer-Residenz, die Hai würden freigesetzt, und auf dem Tennisplatz könnte man wieder campieren. Würde aber der gewonnene Bio-Diesel wirklich ausreichen, um all die Tourist*innen mit Zaros-Wasser in Plastikflaschen zu versorgen? Und müsste, wem einmal Zutritt zum Paradies gewährt worden wäre, dort immerzu verweilen?

Mein Mitbewohner Hans erzählt mir an einem Abend in unserer Unterkunft in Pitsidia, wie er vor etwa 30 Jahren auf einer seiner ersten Reisen nach Kreta in Kali Limenes auf dem Tennisplatz der Oligarchen gezeltet habe. Damals müsse es auch einen Mini-Golfplatz gegeben haben, dessen Löcher seine damalige Begleitung nachts als Latrine genutzt hätte.

Der Strand von Kali Limenes, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Tanker in der Bucht von Kali Limenes, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula und ich spielen Tennis auf dem verfallenen Tennisplatz des Hotels der Familie Vardinogiannis, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Ortes des Mordes am Bürgermeister von Pigaidakia, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Shell-Tankstelle bei Pitsidia, betrieben von Coral Energy, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Der Strand von Kommos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Tamarinde als Schatten-Infrastruktur, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Ausgrabungsstätte bei Kalimari an der Südküste Kretas, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Schiffschuppen der Ausgrabungen in Kommos, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Die Mineralwasserfabrik in Zaros von außen, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Die Mineralwasserfabrik in Zaros von innen, Die Mineralwasserfabrik in Zaros von innen, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula und ich auf der Driving Range des 'Crete Golf Club', Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Im 'Acqua Plus Wasserpark' bei Hersonissos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Im 'Acqua Plus Wasserpark' bei Hersonissos, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Der Kühlschrank als Schrein, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula in den Salinen, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Auslage kretischer Produkte auf dem Flughafen von Heraklion, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Lidl-Supermarkt bei Pitsidia, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Aufgegebenes Gewächshaus bei Kali Limenes, Extra-Material 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula bereitet den kretischen Trauerbrei 'Koliva' zu, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Paula vor der Kirche in Pitsidia, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Vor dem 'Hohlios' Laden der 'Integral Cooperative', Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
Auf dem Markt in Mires, Filmstill 'The Logistics of Paradise', (c) Paula Hildebrandt
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