Der Berg war da, aber niemand sah ihn oder dachte darüber nach, niemand wußte, dass er existierte, außer den Ingenieuren und Lkw-Fahrern und Ortsansässigen, eine einzigartige kulturelle Lagerstätte, fünfzig Millionen Tonnen bis zu ihrer Vollendung, gemeißelt und modelliert, und niemand redete darüber außer den Männern und Frauen, die sie zu managen versuchten, und zum ersten Mal sah er sich als Mitglied eines esoterischen Ordens, sie wahren Eingeweihte und Seher, die an der Zukunft bauten, all diese Stadtplaner, Müllmanager, Komposttechniker und Landschaftsgestalter, die hier später einmal hängende Gärten bauen, eines Tages einen Park aus allen möglichen gebrauchten und verlorenen und abgenutzten Objekten der Begierde erschaffen würden.

(Don DeLillo, Unterwelt, 1997)

Morning. Vast. Imprecision. Fog has covered everything in gray
absolute. This has lasted. Doubt looms over the mind. Absence
is harder to accept than death.

(Etel Adnan, Sea and Fog, 2012)

Wohin geht unser Müll? Wie wird Müll zur Ware, mit der spekuliert werden kann? Wie kann aus Müll Infrastruktur werden, zu welchen Kosten und wessen Profit?

Artist: Nour Sokhon Location: Beirut, Libanon Medium: Sound Text: Moritz Frischkorn
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Excerpt from the album ‘Volatile Grounds’, 2020, (c) Nour Sokhon

Die Marina von Dawra

Die Marina sieht friedlich aus. Bunte Holzboote mit Außenmotoren schwanken sanft an der Mole. Der Himmel ist hoch und die weißen, linienförmigen Cirruswolken zeichnen ein unbekanntes Diagramm. Fischer reinigen ihre Netze, auch ein oder zwei Yachten sind vertakelt. Es riecht süßlich und faul, aber die Meeresbrise trägt die unangenehmen Düfte fort vom Meer und Richtung Stadt. Der Armee-Checkpoint am Ausgang des kleinen Hafens ist nicht sichtbar.

Links neben der Marina erhebt sich ein leerstehendes Plateau, eine unbestimmte, gelblich-braune Fläche, um die herum eine Kiesstraße planiert wurde. Sie ist nicht bebaut, fast unbewachsen, aber sehr groß. Nur ein paar streunende Hunde und junge Männer, die nach Altmetall oder verwertbarem Müll Ausschau halten, machen hier ihre verlorenen Suchgänge. Hinter dem Plateau kann man in der Ferne die Kräne der Containerterminals erkennen.

All dieses Land hat es vorher nicht gegeben. Wo jetzt ein große, unbebaute Halbinsel entstanden ist, war früher zur Hälfte Wasser und zur Hälfte Müll. Hier ragte einmal ein gigantischer, fast 60 Meter hoher Berg aus alten, weggeworfenen Dingen auf, dessen Flanken direkt ins Mittelmeer abfielen. Mehrere 100.000 Tonnen Abfall – von Autoreifen über Chemikalien, Haushaltmüll und Bauschrott, Altfarben, bis hin zu Computern, alten Elektrogeräten, Kinderspielzeug oder Bio-Abfällen – wurden nach und nach abgetragen und direkt ins Meer geschüttet. Aus Müll ist neues Land geworden.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Marina wird weiter gearbeitet. Das Verfahren ist nicht kompliziert: Der Müll wird mit Sand und Bauschutt gemischt und zusammengepresst. Diese Mischung wird in große weiße Nylonsäcke gefüllt, mit denen nach und nach, Zelle für Zelle, der Meeresboden aufgefüllt wird. Die Arbeiten gehen ungestört vor sich. Niemand scheint sich für die geheime Alchimie, die hier vor sich geht, zu interessieren. Dabei werden Berge verschoben, das Meer vertrieben und verschmutzt, und aus Abfall wird Geld gemacht.

Mario Goraieb, Head of Environment Program at ArcEnCiel Lebanon

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Auf dem Rückweg von Dawra in die Stadt trinken Nour und ich einen Kaffee in einem Straßenlokal und betrachten all die einzeln in Plastik eingepackten Kekse und Törtchen. In einer der Tankstellen am Anfang der Armenia Street putzt ein mittelalter Mann mit weißem Poloshirt und verspiegelter Sonnenbrille im Haar mit großer Hingabe sein Mercedes-Cabrio. Abends folge ich beim Duschen in Gedanken dem nach Ingwer duftenden Seifen-Wasser, das im Ausguss verschwindet, durch die Rohre fließt, und ungefiltert Richtung Ozean läuft.

Für unsere gemeinsame Recherche zu Landgewinnungsprojekten im Libanon haben die Sound-Künstlerin Nour Sokhon mit mehr als zwanzig Aktivist*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen gesprochen. Auszüge der Interviews sind Teil dieser Reportage. Weil ihre öffentliche Meinungsäußerung und Positionierung im Kontext der libanesischen Politik nicht ungefährlich ist, werden nicht alle unserer Gesprächspartner*innen namentlich genannt. Einige treten aber im Folgenden als Protagonist*innen auf.

Mar Mikhael, das Ausgehviertel

Wenn man von der Marina von Dawra Richtung Innenstadt läuft, an den verfallenen Häuseranlagen neben der Autobahn vorbei, durch das armenische Viertel Bourj Hammoud mit seinen bunten Kleidungsgeschäften, vorbei am besten Hummus-Laden der Stadt, ist man bald, nach weniger als 20 Minuten Fußweg im hippen Ausgehviertel Beiruts.

Mar Mikhael, und das benachbarte Gemmayzeh, sind als das Zentrum des Nachtlebens von Beirut bekannt. Wer die zentrale Armenia Street oder Rue Gouraud an einem Freitagabend entlang geht, der kann den Eindruck bekommen, die schönsten und ausgelassensten jungen Menschen aller sieben Kontinente hätten sich hier versammelt – Prinzessinen; Prinzen und Könige einer fragilen Sorglosigkeit. Beirut ist bekannt als Stadt mit einem fantastischen Nachtleben, als Stadt der Bars und Zigaretten. Das arabische Paris, die Stadt, die niemals schläft.

Dabei ist der Libanon ein von extremen Konflikten und sozialen Ungleichheiten gekennzeichnetes Land. Es ist auf einem fein austarierten System von Machtausgleich zwischen konfessionellen Gruppen aufgebaut – sunnitischen und schiitischen Muslimen, Christen, Druzen und insgesamt 14 weiteren religiösen Gruppierungen – das den einzelnen Konfessionen unterschiedliche politische Positionen zusichert. Seit dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 hat sich diese brüchige Balance nur wenig stabilisiert. Die Aufsplitterung der politischen Landschaft in konfessionelle Fraktionen führt zu einer ausgeprägten Form des Klientelismus, in dem öffentliche Positionen und Gemeingüter je nach Gruppenzugehörigkeit vergeben und verwendet werden. Kurzum: Jede Machtfraktion versucht sich, wo es nur geht, am Gemeinwesen zu bereichern. Die jungen Libanes*innen haben das Gefühl von ihren eigenen Eliten, die ständig unterschwellig mit der Rückkehr des Bürgerkriegs drohen, als Geiseln gehalten zu werden.

Architektonisch erinnert in Beirut heute nur noch wenig explizit an den Bürgerkrieg. Nur wer darauf achtet, kann an manchen Wänden noch Einschusslöcher finden. Am Rande der Innenstadt steht ein solches Monument: ein großes, teilweise zerbombtes Hotel namens Holiday Inn. Es ist das Hochhaus der Sniper. Nur zwei Jahre nach seiner Eröffnung, die ganz im Zeichen des Tourismusbooms der 60er- und 70er-Jahre steht, wird das Hochhaus zur Kampfzone. Christliche und muslimische Milizen versuchen, es zu erobern. Es wird geplündert, die Einrichtung, inklusive Silberlöffel und -messer auf den Straßen der Stadt verkauft. Nach dem Krieg steht es leer, dann gibt es Sommerparties im Keller. Heute ist es eine Armeebaracke voller Graffiti, und Politiker*innen streiten darüber, was aus dem alten Hotel werden soll. Im Erdgeschoss stehen Panzer.

Die Stadt also glitzert golden und verführerisch in der Nacht, dabei sind unter dem Glitzern Schichten von Dreck und Verletzungen versteckt. Es scheint so, als würden diese Traumata und Geheimnisse von den dunklen Türmen gehütet, die in der Ferne über den Hafen wachen. Es sind die Türme der neuen Innenstadt.

Skyscrapers and fountains

In der neuen Innenstadt von Beirut stehen Luxus-Hochhäuser mit Terrassen voller Springbrunnen und Wasserspielen. Während überall sonst in der Stadt die Elektrizitätsleitungen frei verlegt sind und als wildes Gewebe über den Straßen hängen, sieht man hier perfekt verputze Wände.

Während des libanesischen Bürgerkriegs wurde die gesamte Innenstadt, die vor dem Krieg ein Zentrum des inter-konfessionellen und klassenübergreifenden Austauschs war, zerstört. Heute hat man hier das Gefühl, der Bürgerkrieg hätte nie stattgefunden. Es sieht es aus wie in Dubai, in der Hamburger HafenCity, oder in Shanghai. Die Gebäude, von Star-Architekten entworfen, mit Geld der Öl-Scheichs aus Saudi-Arabien finanziert, stehen leer. Nachts brennt kein einziges Licht, weil alle Wohnungen als Spekulationsobjekte gekauft wurden. Niemand wohnt hier, die hier investierten Vermögen vermehren sich ganz von alleine.

All die verspiegelten, im Sonnenlicht schimmernden Türme dieses Investitions-Paradieses, die in der Nacht wie dunklen Stelen ihre Leere und Unbehaustheit ausstellen, sind auf Ruinen gebaut. Um das Bildnis einer funktionierenden Stadt zu bauen, wurden hier Menschen enteignet, Geschichte ausgelöscht – und auch hier wurde Müll in großen Zügen ins Meer gekippt.

BIEL

Wer aus der glitzernden, neuen Innenstadt herauskommt, findet sich plötzlich auf einer großen, fast unbebauten Halbinsel wieder. Sie heißt BIEL (nach einem Shopping- und Veranstaltungscenter) oder Waterfront District. Ein Sicherheitsmann kontrolliert, dass man die noch nicht komplett fertig gestellte Promenade nicht betritt. Niemand spaziert hier, nur ein paar Arbeiter posieren vor einem LKW mit Bauschutt und zwei Müllmänner aus Bangladesch sammeln Plastikflaschen auf.

Wir versuchen herauszufinden, von wem sie angestellt wurden, kommen aber nicht weiter. Als wir versuchen, in das BIEL Einkaufs- und Veranstaltungszentrum hineinzukommen, tun Nour und ich so, als wären wir ein Ehepaar, damit nicht auffällt, dass sie selbst Libanesin ist. Mein Status als Fremder, und damit als Unwissender, schützt uns vor bösen Nachfragen.

Interview mit Müllmännern aus Bangladesch

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Dieser Stadtteil entstand nach dem libanesischen Bürgerkrieg. Während des Bürgerkriegs wurde die Ruine des einstigen Normandy Hotels zur Mülldeponie. Als der Krieg endete, wurde der Müll des Krieges zum Füllmaterial einer gigantischen Landgewinnung umgenutzt. Die dadurch bis 2006 entstandene Halbinsel des Waterfront District ist etwa 24.000 qkm groß. Sie ist bis heute nicht oder nur temporär bebaut. Zunächst wurde die Halbinsel als Stadtpark beworben, heute ist vor allem eine Bebauung mit Luxusimmobilien geplant. Die Frage ist aber, ob der Müll und Schutt, der hier als Untergrund genutzt wurde, richtig trägt. Hat man Angst davor, dass das Land hier absackt, und hat deshalb noch nicht begonnen, zu bauen? Oder ist die Immobilien-Blase geplatzt?

Der Aktivist Mario Goraieb erzählt Nour und mir bei einem Interview, dass das Gelände von Landgewinnungs-Projekten langsam absackt. Er weist uns außerdem explizit darauf hin, dass der Prozess der Landgewinnung am Ort der ehemaligen Normandy-Deponie weitgehend ungeregelt und ohne Umweltmanagement vor sich ging. Lastwagen voller Müll haben ihre Ladung einfach ins Meer geworfen.

Video von der Halbinsel des ‘Waterfront District’

Ich stelle mir vor, dass stattdessen eines Tages auf der Halbinsel des Waterfront District eine Ausgrabungsstätte entstünde. Unter dem Schutt von Hochhäusern würde man dann den verdichteten Müll finden, und aus den weggeworfenen Alltagsprodukten könnten zukünftige Forscher*innen unseren Lebensstil lesen wie aus einem Orakel. Vermutlich würden sie sich fragen, wer die große Verschüttung und Umwertung des Mülls initiiert hat. Es ist der ehemaligen libanesische Minister-Präsident Rafiq Hariri. Die Luxuswohnungen und die Halbinsel, die aus dem Müll des Bürgerkriegs geschaffen wurde, sind das monumentales Werk dieses adoptierten Prinzen.

Es gibt eine Reihe von alternativen Nutzungsideen für die BIEL-Halbinsel, einige davon auch künstlerisch, vgl. unter anderem das Projekt 'Beirut Field' von Frederic Karam und Jan Ackenhausen.

Citizen Hariri / SOLIDERE

Rafiq Hariri, der von 1992 bis 1998 und zwischen 2000 und 2004 Premierminister des Libanons war, ist eine wichtige Verbindungsfigur zwischen dem Libanon und Saudi-Arabien. In den 70er und 80er Jahren wird er dort als Bauherr und Grundstücksentwickler reich. In dieser Zeit entstehen enge Kontakte zum saudischen Königshaus, Hariri wird die saudische Staatsbürgerschaft angetragen und er wird zum Botschafter des Landes im Libanon ernannt.

Unser Wissen über Rafiq Hariri stammt aus dem Buch Citizen Hariri des Soziologen Hannes Baumann, der sich ausführlich mit der Figur und Politik des ehemaligen Premierministers auseinandergesetzt hat. In einem Telefon-Interview weist mich Hannes Baumann außerdem auf die Parallelen zwischen dem Aufbau der Beiruter Innenstadt und anderen neo-liberalen Städtebauprojekten, wie zum Beispiel der Hamburger HafenCity, hin. Immer geht es bei diesen Mega-Projekten darum, den Stadtraum für internationales Kapital zu öffnen. Dabei spielt politische Steuerung, ganz im Gegenteil zur herkömmlichen Auffassung von Liberalismus als Rückzug des Staates, eine wichtige Rolle.

Nach Ende des libanesischen Bürgerkriegs kehrt er 1989 dorthin zurück. Hariri gilt als Architekt des Ta'if-Abkommens, das den Bürgerkrieg beendet hat. Mit Hilfe von saudischen Großaktionären und Teilen der libanesischen Diaspora gründet er in den Folgejahren die halb-staatliche Baufirma SOLIDERE, die den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Beiruter Innenstadt administriert und steuert.

Als privatrechtlich operierende Baugesellschaft, die zugleich fest in der Hand des Ministerpräsidenten ist, organisiert SOLIDERE die Enteignung der verbliebenen Bevölkerung, den Abriss von zum Teil nur wenig zerstörten Gebäuden und die Akquise von internationalem Kapital. Die gesamte Innenstadt, die als Handels- und Verkehrszentrum für eine Vermischung der Bevölkerungsschichten und Religionen wichtig war, wird dem Erdboden gleich gemacht, und ein glitzerndes, neues Vorzeige-Beirut aufgebaut. Stimmen aus der Zivilgesellschaft werfen dem Oligarchen Hariri, der u.a. mit den Clintons befreundet ist, vor, selbst erheblich vom Wiederaufbau profitiert zu haben. Im Volksmund trägt die neue Innenstadt deshalb einfach den Namen Hariri-City.

Die Halbinsel und die Türme, sie sollen ein monumentales Zeichen sein – ein Zeichen dafür, dass in Beirut wieder Handel getrieben werden kann, dass alle Welt wieder in diese Stadt pilgern sollte, die so lange schon den Westen und den Osten miteinander verbindet.

Alte und Neue Seidenstraßen

Von der Halbinsel BIEL aus versuchen Nour und ich, in den Hafen hineinzulaufen. Als einer der zehn größten Seehäfen des Mittelmeers, der heute von einer französisch-libanesischen Firma, der Gestion et Exploitation du Port de Beyrouth geführt wird, gilt der Hafen von Beirut als Tor zum Mittleren Osten. Schon in der Antike war der Libanon und die gesamte Levante eine wichtige Handelsregion, die östliche und fern-östliche Märkte mit dem Mittelmeer verbanden. Von hier aus kontrollierten die Phönizier, deren wichtigster Hafen neben Beirut Tyros war, Handelsweg bis nach Gibraltar und weiter, in den Atlantischen Ozean hinaus. Als wichtige Vermittler zwischen Ost und West waren die hier lebenden Menschen schon in der Antike Teil der Seidenstraße.

Über Tyros und Beirut schreibt der berühmte libanesische Politiker Charles Malik: We must remember that Tyre in ancient times served as the principal world seaport, longer than any other seaport in history - longer than Venice, longer than London, longer even than New York; and while Beirut cannot aspire to break that unique record, or even approach it, there does appear to be something about these shores, something about these clement mountains, and something about the age-old world-openness of the Lebanese that would make us expect some continuation of a world function: the international exchange of goods and ideas coming from the Mediterranean, and Beirut appears to be the natural candidate for that function.

Später beuten die französischen Kolonialherren die libanesische Seidenproduktion aus. Und heute wollen die Chinesen in Tripoli einen großes Containerterminal bauen, um den Libanon an ihre 'Neue Seidenstraße' anzuschließen. Während die Levante früher der Mittelpunkt weit verzweigter Handelswege war, steht der Libanon heute unter großem ökonomischen und politischen Druck. Das Land ist schwer verschuldet, und vielerlei Lokalmächte (vor allem Saudi-Arabien und der Iran) und die globalen Gegenspieler USA und China versuchen ihren Einfluss sicherzustellen.

Natürlich dürfen wir den Containerhafen nicht betreten. Er ist, wie überall auf der Welt, eine Hochsicherheits-Zone, die nur mit besonderer Bewilligung der Behörden zugänglich ist. Wir schauen der Choreographie der Schiffscontainer vom Dach einer Bar in Gemmayzeh aus zu. Während dort vermutlich auch Elektrogeräte oder Auto-Ersatzteile aus Deutschland verladen werden, weiß aber fast niemand, dass in den Betonplateaus des Hafens selbst toxischer Müll aus Deutschland verbaut ist:

Giftmüll, Mafiosi und der Hafen als Grab

In den späten 80er-Jahren waren große europäische und deutsche Industrie-Firmen, vor allem in der Chemie-Branchen, auf Grund von neuen Regelungen und Gesetzen, dazu gezwungen, ihre Abwässer zu säubern. Nicht mehr länger dürfen die Gifte einfach in die großen deutschen Flüsse, wie z.B. den Rhein, geleitet werden, deren Wasser von nun an geschützt werden soll. Die neuen Recycling-Verfahren aber sind teuer und langwierig. Aus diesem Grund verkaufen verschiedene deutsche Firmen ihre giftigen Chemikalien (Altfarben, Altlacke, chemische Flüssigkeiten, Öle und Batterien) in großem Stil an die italienische Mafia.

Ende der 80er-Jahre wird die italienische Mafia damit zu einem großen Akteur auf dem Parkett des internationalen illegalen Müll-Handels. Unzählige Schiffsladungen toxischen Mülls werden nach Nordafrika, in den Mittleren Osten (im großen Stil auch nach Syrien, wo damals der Vater des heutigen Diktators, Hafiz al-Assad, regierte), und in den Libanon transportiert. Die christlichen Milizen, die zu diesem Zeitpunkt, noch während des Bürgerkriegs, den Hafen kontrollieren, nehmen mehrere Schiffsladungen des Giftmülls an und lassen sich die Entsorgung dieser Fracht teuer bezahlen.

Erst nach meiner Rückreise treffe ich in Hamburg jemanden, der mir mehr über die Erweiterung des Hafens und über den deutschen Giftmüll, der dort für die Ewigkeit lagert, erzählen kann. Er möchte anonym bleiben.

Als der Handel mit Giftmüll wegen internen Streitigkeiten und einer Kampagne von Greenpeace öffentlich wird, sind schon viele der Hunderten von Fässern auf unterschiedlichen wilden Mülldeponien im ganzen Land verteilt. Italien wird zwar dazu gezwungen, den Teil der Fracht, der sich noch auffinden lässt, wieder zurückzunehmen. Der Giftmüll aber, so berichten seriöse libanesischen Medien, u.a. der Daily Star of Lebanon, wird teilweise auch bei der Erweiterung des Hafens verbaut. In den Betonplateaus der Hafenerweiterung liegen damit noch heute Tonnen voller Chemikalien und Altfarben aus Deutschland vergraben.

Es ist derselbe Hafen, in dem am 4. August 2020, weit nach unserem Recherchezeitraum, fast 3000 Tonnen Ammonium-Chlorid explodieren, und große Teil der Innenstadt von Beirut nahezu komplett zerstören. Besonders betroffen sind dabei die östlichen Viertel Mar Mikhael und Gemmayzeh, in denen ich nur ein Jahr vorher Nour bei ihrer Ausstellungseröffnung getroffen habe.

Und noch etwas erfahren wir bei unserer Recherche: Das Hauptquartiert der christlichen Milizen, die den Müllimport administrierten, lag direkt am Hafen und damit auch neben der großen Mülldeponie von Karantina. Gefolterte und getötete Körper wurden direkt auf der Mülldeponie entsorgt, teilweise auch in der lokalen Müllverbrennungs-Anlage verbrannt. Neben dem toxischen Müll aus Deutschland könnte in den Beton-Plateaus, die heute als Containerterminal dienen, damit auch menschliche Asche liegen.

Mehr als jeder andere Containerhafen, ist damit auch dieser Hafen ein Grab.

Infrastructure Agencies

Große Infrastruktur-Projekte, wie etwa die Erweiterung des Beiruter Hafen oder das Landgewinnungsprojekt des Waterfront Districts in Beirut, kommen nicht ohne betriebswirtschaftliche und technische Beratung aus. Die hier tätigen, spezialisierten Bau-Beratungsfirmen sind die geheimen Agenten der Nutzbarmachung von immer neuen Märkten, die über große Infrastrukturprojekte an den Weltmarkt angebunden werden.

Im Falle der Hafenerweiterung in Beirut war, nach eigenen Angaben, zum Beispiel die große libanesische Firma Dar-El-Handasah beteiligt, die Infrastruktur- und Bauprojekte auf der ganzen Welt berät, so u.a. auch das nigerianische Landgewinnugs-Projekt Eko Atlantic City. Seit 2007 ist auch die Hamburger Firma Sellhorn beteiligt. Ob und in welchem Maße die Firma darüber informiert ist, dass hier toxischer Müll verbaut wurde, kann ich in einem Telefon-Interview mit einem Mitarbeiter nicht herausfinden. Die Wissensmanager der Globalisierung tarnen sich oft als Technokraten. Sie sind scheinbar immer nur für die technische Umsetzung logistischer Megaprojekte verantwortlich.

Conversation note from a telephone call with Mr. Leger of the Hamburg based company Sellhorn, on March 18, 2019 at 14.30 (number: +49 40 36120155):

> the company Sellhorn has been working on the extension of port from 2007-2017, i.e. planning, supervising and implementing the further extension of the port for the ‘Gestion et Exploitation du Port de Beyrouth’

> the extension of the port was done by using rumble, i.e. construction material, that is dumped into the water layer by layer, it cannot be organic material, my conversation partner asserts that in their case, only non-organic material was being used but he believes that accusations might be true that other, toxic or dangerous materials might have been used in earlier extensions of the port, even if he cannot be sure about them

>another severe problem is the soft underground (under water) close to the so called Beirut river, the place where the wastewater is being released to the sea, therefore it has been difficult to extend the so called break-water to the east

Dabei gibt es im Libanon so viele Akteure, die versuchen, einen anderen Umgang mit Müll und ihn auf ganz andere Art und Weise als Infrastruktur nutzen wollen, die ihn nicht einfach ins Meer kippen, in Beton gießen, unsichtbar machen, oder verschwinden lassen wollen.

Der König des Recycling

Während unserer gemeinsamen Recherche im Libanon treffen Nour und ich verschiedene Recycling-Initiativen im Libanon. Keine dieser Initiativen ist staatlich, alle basieren sie auf der Initiative von Privatleuten oder NGOs. Der Sozialunternehmer Ziad Abi Chaker, zum Beispiel, der in libanesische Medien immer wieder als König des Recycling bezeichnet wird, hat eine Reihe von Recyclingfabriken im ganze Land aufgebaut. Als Ingenieur entwickelt er außerdem verschiedene Recyclingprodukte selbst, u.a. Weichfasern aus Plastik, Stützen und Träger aus Hartplastik und aus Papier gepresste Wandpappen.

Damit stehen sich hier zwei unterschiedliche Strategien, mit Müll umzugehen, gegenüber: Entweder man verbuddelt ihn im Meer, um dann darauf neue Hochhäuser zu bauen, oder man versucht ihn in mühsamer Arbeit in wiederverwertbare Materialien zu verwandeln, mit denen auch gebaut werden kann – vielleicht weniger hoch, aber dafür nachhaltiger.

Videomaterial aus der Recyclingfabrik in Beit Mery, Cedar Environment

Als Nour und ich ihn besuchen, sitzt Abi Chaker vor einem großen Flachbildschirm, der an der Wand befestigt ist. Während er uns mit tiefer Stimme von seiner Arbeit erzählt, verfolgt er unablässig seinen Social Media-Feed. Man bekommt den Eindruck eines einsamen Kriegers, der stetig um Aufmerksamkeit für seine Recyclinginitiativen kämpfen muss. Ich würde ihm wünschen, er würde vom Libanon aus ein weltweites Imperium aufbauen.

Joslin Kehdy

Joslin Kehdy ist Umweltaktivistin und Gründerin des ersten Zero Waste-Ladens im Mittleren Ostens. Ihr Eko-Souk, den Joslin zusammen mit Nariman betreibt, liegt im Westen der Stadt, unweit der Hamra Main Road. Ihren Laden bezeichnet Joslin als Hub für Kreislauf-Ökonomie. 'Hub' ist auch das arabische Wort für Liebe.

Joslin hat braune mittellange Haare, sie trägt eine runde silberne Brille, und spricht mit beeindruckender Überzeugung. Immer wieder organisiert sie öffentlichkeitswirksame Aktionen, bei denen zum Beispiel Strände gemeinsam mit Freiwilligen von Plastik befreit werden. Zugleich arbeitet sie mit verschiedenen lokalen Produzent*innen zusammen, die alte Herstellungstechniken und -verfahren für die Produktion von Kleidung, Kosmetik, und anderen Gebrauchsgütern aufleben lassen.

Joslin erzählt, dass Müll im Libanon ein umkämpftes Thema sei. Seit dem libanesischen Bürger-Krieg gebe es kein gut funktionierendes Müll-Management, auch werde nur ein Bruchteil des Mülls recycelt. Dabei verfügten die Menschen in der Levante eigentlich über eine Vielzahl alter Techniken, die auf die nachhaltige und effiziente Nutzung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern angelegt seien. Diese alten Kulturtechniken seien erst als Teil eines westlichen Lebensstils verloren gegangen. Joslin fordert deshalb, dass nicht länger importierte Konzepte und Lösungen für Probleme angewendet werden, die erst durch westliches Konsumverhalten entstanden seien. The West has to stop fucking us up, sagt sie Nour und mir in einem Interview.

Joslin Kehdy, Gründerin des EkoSouk in Beirut

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EU-Kläranlagen und die Erklärung von Barcelona

Ein Beispiel für fehlgeleitetes westliches Engagement zur Überwindung der Müll-Krise im Libanon sind die Kläranlagen. Insgesamt vier dieser teuren Anlagen wurden mit EU-Mitteln gebaut, um die libanesischen Abwässer zu reinigen, bevor sie ins Grundwasser oder Mittelmeer laufen. Keine von ihnen aber ist in Betrieb. Während die EU das Geld für den Bau bereitstellt, werden keine Mittel aufgewendet, um die Anlagen an das lokale Abwassersystem anzuschließen. Die vermeintlichen Klärfabriken ähneln damit den berüchtigten Parlaments-Zelte, die George Bush während des Irakkriegs über dem Land abwerfen wollte. Es sind gute Ideen, die von höheren Mächten aus der Luft fallen gelassen werden, aber nicht mit der jeweiligen Realität vor Ort vereinbar sind.

Auch was die Einhaltung von Umweltstandards angeht, versagt die EU. Durch das fehlende Müll-Management im Libanon leidet die Wasserqualität des Mittelmeers. In der 1995 unterzeichneten Erklärung von Barcelona, mit der sich alle Anrainer-Staaten des Mittelmeeres zusammenschließen, wird auch ein effektiver Umweltschutz proklamiert. Der Libanon aber wird für seine fortlaufenden Umweltvergehen von der EU nicht öffentlich angeklagt. Zu viele syrische Flüchtlinge leben in dem kleinen Land, so dass man in Europa Angst davor hat, diese könnten über das Mittelmeer zu uns kommen. Weil die EU so abhängig von dem kleinen Land ist, werden die eigenen vermeintlich hohen Umweltstandards einfach vergessen. So schreitet der Klientelismus und die Verschmutzung der libanesischen Gewässer weiter voran.

Der Müllberg von Bourj Hammoud

Oft hängt eine unsichtbare, leicht nach Eiern duftende Gift-Wolke über den östlichen Vierteln der Stadt und dem Hafen. Es ist Schwefel-Monoxid, ein giftiges Gas, das zu Atemwegs- und Krebserkrankungen führen kann. Das Gas wird vom Wind über das Viertel getragen, vom der Küste hoch. Dort, an der Marina von Dawra, liegt der große Müllberg von Bourj Hammoud, eine alte Mülldeponie, die während des Bürgerkriegs zunächst illegal, danach für mehrere Jahre legal genutzt wurde. 1997 wurde sie wegen extremer Übernutzung geschlossen, im Rahmen der Müllkrise von 2016 musste sie aber notfallmäßig wieder geöffnet werden.

Der Müllberg war so groß, dass er zeitweilig das ganze Viertel überragte. Immer wieder setzte er sich, weil brennbare Gase entstehen, spontan selbst in Brand. Jedes Jahr sickerten hier etwa 120.000 Tonnen giftige Abwässer ins Mittelmeer, schätzen Umweltwissenschaften. Und noch heute – nach der Umwandlung in eine Landerweiterung – werden in Bourj Hammoud regelmäßig erhöhte Schwefel-Monoxid-Werte durch das Nature Conservation Center der American University of Beirut nachgewiesen.

Der libanesische Künstler Fadi Mansour hat sich ausführlich mit der Landgewinnung in Bourj Hammoud beschäftigt. Dabei sind eine Videoarbeit und der folgende Essay entstanden.

Die Alchemie des Mülls

Seit mehreren Jahren wird der Müllberg nach und nach abgetragen und als Füllmaterial eines großen Landgewinnungs-Projektes genutzt, genau wie die Normandy-Deponie für die Erweiterung der Innenstadt Beiruts. Das Projekt trägt den Namen Linord und datiert bereits auf die letzten Jahre des Bürgerkriegs.

Für die Landerweiterung wird der Müll nicht aufbereitet oder getrennt. Auch Recyclingwertstoff werden nicht heraus sortiert, nur große Metallteile entfernt. Der Müll wird gepresst und in große weiße Nylon-Säcke verpackt, die – großen Ziegeln gleich – auf den Meeresboden gestapelt werden. Um das Meerwasser des Mittelmeeres langsam und kontrolliert zu verdrängen, wird dabei zunächst in einiger Entfernung von der alten Küsten-Linie ein Betondamm gebaut, der – nach Fertigstellung der Landerweiterung – die neue Küstenlinie darstellt. Im Fall der Landgewinnung von Bourj Hammoud gibt es dabei große Schwierigkeiten, weil man festgestellt hat, dass das Meer in einer Tiefe bis zu 9 Meter butterweich vor bereits abgelagertem Müll ist. Das deutet darauf hin, dass hier lange und im großen Stil auch unkontrolliert Müll ins Wasser geworfen wurde.

Mario Goraieb, Head of Environment Program at ArcEnCiel Lebanon

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Unklar ist, welche Umweltfolgen diese Landerweiterung durch Müll hat. Klar ist, dass hier korrupte Eliten mit Hilfe von Infrastructure Agencies enorme Gewinne einstreichen. Es ist eine Form der perfiden Alchemie, in der aus Müll Gold gewonnen wird: Privatfirmen, die mit Politiker*innen verbandelt sich, lassen sich zunächst teuer für die Müllentsorgung bezahlen, wickeln diese aber nicht nach gängigen Standards ab, sondern schütten den Müll einfach zu großen Bergen an der Küste des Libanons auf.

In einem zweiten Schritt muss das Gemeinwesen dann dafür bezahlen, dass aus diesem Müll neues Land gewonnen wird. Dabei sind notwendigerweise wieder private Investoren mit beteiligt, die sich das neu gewonnene Land teuer bezahlen lassen. Es trifft sich gut, dass die Preise pro Quadratmeter in Beirut die höchsten rund um das gesamte Mittelmeer sind. Hier, wie auch in BIEL, will man Hochhäuser bauen und an internationale Investoren verkaufen.

Schematische Darstellung verschiedener Landerweiterungsprojekt in Nord Beirut, (c) The Daily Star of Lebanon
Timor Azhari, Journalist in Beirut, u.a. für Al Jazeera (ehemals auch The Daily Star)

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Die Bevölkerung leidet dabei an mehreren Stellen: Ihr Müll wird schlecht gemanagt, nicht getrennt und aufbereitet. Die Müll-Berge an der Küste des Libanons schränken die Lebensqualität in umliegenden Vierteln extrem ein. Und auch das Mittelmeer leidet, es verdreckt und wird verpestet. Die Alchemie des Mülls ist eine Form von Manufactured Collapse, eine perfide Art und Weise, wie aus schlechter Infrastruktur Kapital geschlagen wird.

Manufactured Collapse

Das Konzept von Manufactured Collapse entwickelt der Umweltaktivist Sammy Kayed vom Nature Conservation Center der American University in Beirut in einem Gespräch spontan: Für ihn ist es eine Beschreibung der voranschreitenden Klimakatastrophe. Kayed spricht dabei vor allem davon, dass bei der fortlaufenden Zerstörung unseres Planeten immer mehr Ungerechtigkeit entstehe. An aktuellen und zukünftigen Katastrophe würden wenige Menschen sehr viel Geld verdienen, während sehr viele Menschen schon heute und zukünftig noch in weitaus größerem Maße litten. Als Beispiel führt Sammy den Export von Elektrowaren und Elektroschrott nach Ghana an, der für eupäische Staaten eine relativ kostengünstige Art und Weise ist, Altwaren loszuwerden, und deshalb lange toleriert wurde.

Eine andere Spielart dieser Kapitalisierung von schlechter öffentlicher Infrastruktur ist das Loch von Onitsha.

Sammy Kayed, Development Manager am Nature Conservation Center der American University von Beirut

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Auch die Landerweiterung durch Müll kann als Manufactured Collapse bezeichnet werden. Hier machen Eliten viel Geld, indem Gemeingüter und öffentliche Infrastrukturen – in diesem Fall: der Müll, öffentliches Land und das Meer – bewusst schlecht gehandhabt, während Gewinne privatisiert werden. Das alles, wohlgemerkt, geschieht unter Tolerierung europäischer und internationaler Geldgeber.

Niemand fragt die Menschen. Sie leiden unter dem Gestank, unter der fehlenden Elektrizität, und schlechten Straßen. Sie können nicht mehr an ihren eigenen Stränden baden, das Wasser aus der Leitung ist zu dreckig, um sich damit die Hände zu waschen oder zu kochen. Gleichzeitig jettet die politische Elite um die Welt, während für libanesische Bürger*innen strikte Einreiseregelungen in die EU oder die USA gelten. Und deshalb reicht es den Menschen:

Thawra

Am Ende sind die Probleme für die Bevölkerung nicht mehr länger erträglich: Bei meiner vorerst letzten Reise in den Libanon im Oktober 2019 geraten Nour und ich in die von den Libanesen als Thawra (dt. Revolution) betitelten schweren sozialen Unruhen. Sie beginnen am 17. Oktober, genau zwei Tage, bevor Nour und ich im Goethe-Institut einen Workshop zu spekulativen, künstlerischen Nutzungsszenarien für das aus Müll gewonnen Land halten wollen.

Die Thawra entzündet sich zunächst an erhöhten Lebensunterhalts-Kosten, einem schlechten Umwelt-Management bei landesweiten Bränden im Herbst 2019, und an der Einführung neuer Steuern, u.a. auf Zigaretten und Whatsapp-Telefongespräche. Schnell aber wird deutlich, dass die Libanesen – die zum ersten Mal in großer Zahl über religiöse Grenzen hinweg gemeinsam protestieren – mit der politischen Elite insgesamt unzufrieden sind.

Seit dem 17. Oktober 2019 bis weit hinein in den Frühling 2020 – dem Beginn der Corona-Krise – sind die Libanes*innen jeden Tag auf der Straße. Schon nach ein paar Tagen tritt der Premierminister Saad Hariri zurück, der Sohn von Rafiq Hariri. Aber das reicht den Libanes*innen nicht: Sie fordern den Rücktritt der gesamten politischen Elite. Als ein zentraler Grund für die Proteste wird immer wieder die fehlende Infrastruktur im Land genannt: schlechte Elektrizitätsversorgung, schlechte und teure Krankenversicherung, schlechte Straßen, und – nicht zuletzt – das fehlende Müll-Management

Es ist, als wurde hier eine rote Linie übertreten. In einem Land, an dem nicht nur die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran, sondern auch die einstiegen Kolonialmacht Frankfreich und die USA zerren, in dem konfessionelle Zugehörigkeiten politisiert und gegeneinander ausgespielt werden, damit sich kleine Eliten mit internationaler Unterstützung bereichern können, wird unter anderem der Müll zum Auslöser einer Revolution. Die hoch-gebildete, mutige Bevölkerung ist es leid, bevormundet und ausgeplündert zu werden.

Als Ausländer verlasse ich am Samstag nach Beginn der Proteste das Land, Nour und ihre Mitbürger*innen kämpfen für ihre Rechte. Während ich mit ihrem Kampf solidarisch bin, wird mir gleichzeitig mein Privileg, einfach abreisen zu können, noch einmal viel deutlicher.

Im Besonderen ist auch Mobilität ein sehr ungleich verteiltes Gut im Libanon. Während viele Eliten internationale Pässe haben und deshalb Grenzen leicht überschreiten, ist es für Libanes*innen schwer, eine Einreisegenehmigung oder ein Visum für die EU oder die USA zu bekommen. Das Verfahren ist aufwendig:

Paradise Lost

Heute, fast ein Jahr nach Abschluss unserer gemeinsamen Recherchen, ist die Situation in Beirut noch einmal deutlich gravierender, als sie sich letztes Jahr dargestellt hat. Die Proteste sind bis in den Sommer hinein vorangeschritten, trotz der Einschränkungen durch Corona. Zur allgemein schlechten Versorgung und Infrastruktur kommt seit dem Frühjahr 2020 eine schlimme Wirtschaftskrise. Die Währung, der libanesische Pfund, verliert rasant an Wert – Ersparnisse, Pensionen, die über mehrere Generationen mühsam aufgebaut wurde, sind nichts mehr wert. Die Banken behalten Vermögen, aus Angst vor Kapitalflucht, einfach ein. Und viele Menschen haben es immer schwerer, sich Lebensmittel zum Überleben leisten zu können.

Dann kommt es, am 4. August 2020 zu einer großen, historisch unvergleichlichen Explosion im Hafen von Beirut. Es explodieren fast 3.000 Tonnen Ammonium-Chlorid, die in einem Silo, westlich der neuen Hafenerweiterung, wo anderer Müll vergraben ist, mehrere Jahre lang ungesichert gelagert werden. Es ist davon auszugehen, dass die gesamte politische Elite von der Lagerung der hochgiftigen Chemikalie informiert war, bis hinauf zum Präsidenten. Durch die Explosion sterben mehrere hundert Menschen, Tausende sind verletzt, bis zu 300.000 Menschen werden obdachlos.

In der Folge bleibt der Staat untätig, es sind die Zivilgesellschaft und private Initiativen, die den langsamen Wiederaufbau der Stadt und die Versorgung der Bevölkerung sicher stellen. Auf Instagram lese ich dabei immer wieder denselben Satz: Wir sind Geiseln unserer eigenen Regierung, die uns zu töten versucht. Viele Libanes*innen fühlen sich eingesperrt. Während ihr Land einem Paradies gleicht – die hohen, schneebedeckten Gipfel des Mount Lebanon ragen direkt neben dem warmen, weichen Mittelmeerstrand auf, hinter dem Gebirgszug liegt die fruchtbare Bekaa-Ebene, in der seit tausenden Jahren Landwirtschaft betrieben wird – wurde es, mitsamt der dort lebenden Menschen, zum Pfand von ehemaligen Kriegsverbrechern, die sich heute, von internationalem Druck weitgehend unbehelligt, als Turbokapitalisten betätigen. Die Explosion ist ihr Fanal.

In der Folge bleibt der Staat untätig, es sind die Zivilgesellschaft und private Initiativen, die den langsamen Wiederaufbau der Stadt und die Versorgung der Bevölkerung sicher stellen. Auf Instagram lese ich dabei immer wieder denselben Satz: Wir sind Geiseln unserer eigenen Regierung, die uns zu töten versucht. Viele Libanes*innen fühlen sich eingesperrt. Während ihr Land einem Paradies gleicht – die hohen, schneebedeckten Gipfel des Mount Lebanon ragen direkt neben dem warmen, weichen Mittelmeerstrand auf, hinter dem Gebirgszug liegt die fruchtbare Bekaa-Ebene, in der seit tausenden Jahren Landwirtschaft betrieben wird – wurde es, mitsamt der dort lebenden Menschen, zum Pfand von ehemaligen Kriegsverbrechern, die sich heute, von internationalem Druck weitgehend unbehelligt, als Turbokapitalisten betätigen. Die Explosion ist ihr Fanal.

Istanbul Airport

Auf dem Flughafen in Istanbul ist alles wieder sauber und geordnet. Die Bodenfliesen spiegel-glatt, die Schaufenster geputzt, die Luft gekühlt und gefiltert. Wie manisch lese ich Nachrichten über die fortlaufenden Proteste, nur unterbrochen von gelegentlichen Ansagen, in denen eine weibliche Stimme verschiedene Orte auf dem Planeten mit einem alten griechischen Sagen-Charakter verbindet. Pegasus Airlines fliegt Tibilissi, Teheran oder Moskau an, und noch mindestens 150 andere Städte. Die totale Mobilität scheint absurd.

Ich frage mich, wieviel Müll meine eigenen Reisen in den Libanon produziert haben, welchen Stellenwert westliche Medien und künstlerische Forschung überhaupt für diesen Kontext haben, und wieso eigentlich so wenig über die Routen und Wege unseres eigenen Mülsl bekannt ist. Es scheint, als ob man den Müll lieber im Dunklen verschifft, fern von den Augen der Öffentlichkeit, weil er stinkt und trotzdem gut zu Geld gemacht werden kann. Dabei könnte er nicht nur im Libanon als Anlass einer Revolution dienen.

Während ich die kühlen Flughafen-Luft einatme, denke an eines der Beispiele, von denen der Umwelt-Aktivist Sammy Kayed in unserem Interview mit ihm spricht: Er erzählt von einem neuen chinesischen Automodell. Es sei teuer – Sammy sagt, vielleicht 100.000 Dollar – aber mit den allerbesten Luftfiltern ausgestattet, so dass man gut geschützt von seinem gefilterten Zuhause zur Arbeitsstätte mit Filtern fahren könne, ohne sich jemals der extremen Smogbelastung in chinesischen Großstätten aussetzen zu müssen.

Während ich mit der Wut der Libanes*innen solidarisch bin, frage ich mich nach meiner eigenen emotionalen Position, und finde sie in einem Text, den mir wiederum Sammy empfohlen hat: In dem Text Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy vertritt der Umweltwissenschaftler Jem Bendell die These, dass schwere soziale und politische Verwerfungen auf Grund der fortlaufenden Umweltzerstörung und Klimakrise nicht nur im Libanon, sondern überall auf der Welt mit großer Wahrscheinlichkeit unumgänglich sind.

Während viele seiner Kolleg*innen diese bittere Wahrheit aus institutionellen, strategischen oder persönlichen Gründen lieber nicht offensiv vertreten – auch weil sie nicht als Verbreitende von Hoffnungslosigkeit kritisiert werden wollen – ist Bendell der Auffassung, dass es an der Zeit sei, sich auf den Kollaps unserer Gesellschaften, wie wir sie heute kennen, einzustellen und vorzubereiten. Dabei skizziert Bendell für sein Programm der 'Deep Adaptation' drei Schritte:

Der Begriff der Resilienz fragt danach, wie wir das, was wir brauchen und lieben, erhalten können. Der Begriff des Verzichts (im Englischen: relinquishment) stellt uns die Frage, was wir aufzugeben bereit sind, um die Situation nicht zu verschlimmern. Und ein Versuch der Erneuerung (im Englischen: restoration) stellt uns vor die Aufgabe, Strategien zu entwickeln, um mit zukünftigen Krisen besser umgehen zu können.

Bendells Programm der kollektiven Trauer spricht dabei Jede*n von uns an: By that I mean the implication is for you to take a time to step back, to consider 'what if' the analysis in these pages is true, to allow yourself to grieve, and to overcome enough of the typical fears we all have, to find meaning in new ways of being and acting.

Sammy Kayed, Development Manager am Nature Conservation Center der American University von Beirut

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Die Grenzen zwischen denen, die sich schützen können und denen, die der fortlaufenden Umweltverschmutzung und der Ausbeutung von Gemeingütern ausgesetzt sind, multiplizieren sich unsichtbarer Weise. Schutz und Ausgesetztheit werden heute an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt immer wieder neu ausgehandelt. Auch die Wände unseres Paradies-Gartens sind unsichtbar und porös, nur mit Kapital und unter brutaler Ausbeutung von Menschen im globalen Süden können sie aufrecht erhalten werden. Die Frage ist nur, wie lange noch?

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